Tokoro Wohnen – Bing Industries

Tokoro Wohnen – Bing Industries

Das britische Duo Martyn Riley und Beth Robertson, auch unter dem gemeinsamen Pseudonym Tokoro Wohnen bekannt, nähert sich auf der jüngsten Veröffentlichung Bing Industries in vier feinfühligen Werken den architektonischen Phantomen der britischen Schwerindustrie. Im Epizentrum der Inspiration stehen die Shale Bings von West Lothian – jene monumentalen, weit aufragenden Abraumhalden, die als steinerne Zeugen der einst florierenden schottischen Schieferölindustrie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Landschaft überdauern. Wo einst rauchende Schlote den Fortschritt der Moderne verkündeten, transformiert das Duo die industrielle Melancholie nun in eine faszinierende, beinahe sakrale Klangästhetik. Es gelingt ihnen das Kunststück, den rauen, schweren Geist der Vergangenheit in eine feingliedrige, elektronische Textur zu übersetzen, die emotional und intellektuell beansprucht. Dabei verzichtet Bing Industries auf jegliche industrielle Brachialität und entfaltet stattdessen eine unerwartet subtile wie ebenso fragile musikalische Ästhetik, die eine nahezu geisterhafte Präsenz heraufbeschwört.

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Set zum Freitag #454 – Richard Akingbehin

Set zum Freitag #454 – Richard Akingbehin
Bild: © Usman Abdulrasheed Gambo

Basierend auf seinem versierten sowie originellen Ansatz hat Richard Akingbehin einen knapp dreistündigen Mix kreiert, der fließende wie hypnotisierende Klangtexturen mit pulsierenden Rhythmen verschmelzen lässt. Der nun auf Bassiani veröffentlichte Mix wurde bereits Anfang Mai im Rahmen der Amsterdamer Veranstaltungsreihe Eerste Communie aufgenommen und besticht durch eleganten Techno sowie seiner zutiefst betörenden Wirkung. Insbesondere fasziniert dabei die feinfühlige Balance aus Dynamik, Verve sowie einer unbeschwerten Leichtigkeit, die den Mix gleichzeitig fokussiert und schwebend erscheinen lässt.

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Lawrence English – The Rest Is My Ghost

Lawrence English – The Rest Is My Ghost

Mit The Rest Is My Ghost vollendet Lawrence English eine monumentale, über ein Jahrzehnt gewachsene Klangtrilogie der Gegenwartskritik, die den Phantomschmerz einer verlorenen Zukunft vertont. Nach den Vorgängern Wilderness of Mirrors und Cruel Optimism, die sich mit digitaler Propaganda und der Erschöpfung des modernen Lebens befassten, markiert dieses Werk den radikalen Schlusspunkt einer tiefen geopolitischen Bestandsaufnahme. Getragen von einem hochkarätigen Ensemble aus Künstlerinnen und Künstlern wie Madeleine Cocolas, Chris Abrahams oder Norman Westberg errichten die Stücke dichte, elektroakustische Drone-Architekturen von repressiver Schönheit. English seziert das Phänomen einer korrosiven Nostalgie nicht bloß theoretisch, sondern übersetzt urbane Verfallssymptome von Los Angeles bis Tokio in kollabierende Klanglandschaften. Field Recordings und metallische Frequenzen reiben sich an elegischen Harmonien, wodurch die fundamentale Ungewissheit unserer Epoche unmittelbar physisch spürbar wird. So schließt sich ein Kreis, der die Ohnmacht des Individuums angesichts globaler Machtstrukturen radikal erfahrbar macht. Dieses Album ist kein eskapistischer Rückzugsort, sondern das klangliche Manifest einer Geisterstunde der Moderne.

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Set zum Freitag #453 – Diamondstein

Set zum Freitag #453 – Diamondstein
Bild: © Landiva Weber

Diamondstein hat für NTS Radio abermals einen fabelhaften Mix kreiert, der ausgehend von Jazz sowie elektronischen und experimentellen Exkursionen einen zutiefst atmosphärischen, immersiven Charakter entfaltet. Inspiriert von der Aura des Film Noir, vermag es der Mix, die Hörerinnen und Hörer intuitiv in eine cineastische Klangwelt eintauchen zu lassen, die von obskuren sowie zwielichtigen Stimmungen durchdrungen ist. Die Komposition entfaltet dabei eine überwiegend melancholische, mitunter verzweifelte Dramaturgie, die Intimität mit Diffusität verschmelzen lässt. Klangästhetik im Nischendasein, rätselhaft und existenziell anmutend.

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Carmen Villain – Memoria

Carmen Villain – Memoria

Mit ihrem Album Memoria erschafft die norwegisch-mexikanische Produzentin Carmen Villain ein hypnotisches Meisterwerk der Entschleunigung im Grenzbereich zwischen Ambient und meditativem Spectral Dub. Inspiriert von Pauline Oliveros’ Schriften über innerlich abgerufene, für andere unhörbare Klänge bricht Carmen Villain radikal mit klassischen Songstrukturen, um den Versuch zu unternehmen, das menschliche Gedächtnis als fließenden, sich ständig verändernden Organismus hörbar zu machen. Weite Flötenakkorde, fragile Feldaufnahmen und Villains eigene Klarinette verschmelzen dabei in den Stücken des Albums zu geisterhaften, repetitiven Klangschleifen von enormer Tiefe. Durch den versierten Einsatz von Raum und Stille erzeugt die Multiinstrumentalistin eine nahezu sakrale Atmosphäre, die weite Räume für introspektives Versinken eröffnet. Memoria ist ein nachdenkliches wie emotionales Werk, das in seiner melancholischen Schönheit eindringlich nachhallt. An dieser Stelle der Track Entre Nosotros.

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Set zum Freitag #452 – Eric Cloutier

Set zum Freitag #452 – Eric Cloutier
Bild: © Leonardo Barucci

Zum Anlass seines Debütalbums My Friend The Abyss hat Eric Cloutier im Berliner Tresor einen Mix aufgenommen, der die Albumveröffentlichung virtuos ergänzt. Der inzwischen auf Inverted Audio veröffentliche Mix, offenbart über zweieinhalb Stunden seriösen, tiefen Techno. Während My Friend The Abyss ein eher nachdenkliches Porträt Cloutiers als Produzent zeichnet, enthüllt der aktuelle Mix einmal mehr, den versierten, energetischen sowie hypnotisierenden Ansatz des DJs. Ein fabelhafter Mix für den Auftakt ins Wochenende.

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Jannis Anastasakis & Peter Knight – Feather

Jannis Anastasakis & Peter Knight – Feather

Feather von Jannis Anastasakis und Peter Knight ist ein Kollaborationsalbum, das in Athen aus improvisierten Begegnungen gewachsen ist und seine Faszination aus der feinen Abstimmung der Mittel gewinnt. Fünf Stücke genügen, um analoge Synthesizer, klagende Trompeten, distanzierte E-Gitarren und subtile elektronische Texturen zu einem zugleich kammermusikalischen und cineastischen Raum zu verbinden. Besonders reizvoll ist die Art, wie sich neoklassische Intimität mit melancholischem Jazz sowie elektroakustischer Noise Ästhetik verschränkt, ohne in Beliebigkeit zu kippen. Das Ergebnis besitzt eine geheimnisvolle, leicht unheilvolle Aura, die eher suggeriert als erklärt und gerade darin ihre Stärke entfaltet. Wer Musik mit subtiler Dramaturgie und genauer klanglicher Zeichnung schätzt, findet hier ein Werk von bemerkenswerter Stimmigkeit. An dieser Stelle mit  Feather I der Eröffnungstrack des Albums.

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